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das mollsche gesetz: catalogue of improvisation

Unter dem Oberbegriff catalogue of improvisation hat das mollsche gesetz 2007 eine 6-teilige Konzertreihe durchgeführt, bei der eine neuartige Herangehensweise an improvisierte Musik erlebbar wurde:

Im Rahmen des Mollschen Gesetzes - der strenge Wechsel zwischen einer Minute Musik und einer Minute Pause - traten die Musiker und Gesetzeshüter Udo Moll, Matti Muche und Sebastian Gramss in einen musikalischen Dialog mit ihren Gästen, die die unterschiedlichsten Genres aktueller Musikphänomene repräsentieren (u.a. den Feldman- und Cage Pianisten John Tilbury, New Yorker Avantgarde-Rocker Elliott Sharp, die Turntable-Künstler des Instituts für Feinmotorik und die avancierte skandinavische Vokalistin Sidsel Endresen). Dabei wurden nicht nur die individuellen ästhetischen Ansätze der Gäste vergleichbar, sondern auch die grundlegenden Parameter der Improvisationen, wie etwa Zeitstruktur von Musik/Pausen, Materialauswahl etc. immer wieder neu verhandelt und in Frage gestellt.

catalogue of improvisation besticht durch seine unorthodoxe Herangehensweise an das Thema Improvisation und durch den Brückenschlag sowohl zur Neuen Musik, zur internationalen Experimentalmusik, zum Pop als auch zur aktuellen Medienkunst.

Integraler Bestandteil des catalogue of improviation ist eine Dokumentation, die aus einem künstlerisch aufwändig gestalteten Katalog und einer dazugehörigen CD besteht. Der international renommierte Fotograf Philip Lethen und der Musikjournalist Raul Mörchen haben alle Konzerte begleitetet und mit Fotos und essayistischen Texten für den Katalog dokumentiert.

Die Veröffentlichung wurde ermöglicht durch den Deutschen Musikrat und erscheint bei WERGO in der Reihe edition elektronik - Experiment und Evaluation.

 

 


Um wenig wurde in der Musik so viel Lärm gemacht wie um die Stille. Dabei gibt es sie eigentlich gar nicht. John Cage selbst, der 1952 mit seinem berühmten 4,33' die ganze Diskussion erst angestoßen hat, bemerkte in einem vermeintlich schalltoten Raum, dass er immer noch das Brummen seines Blutkreislaufs und das leichte Pfeifen seines Nervensystems wahrnehmen konnte. So ist denn auch schon 4,33', die Mutter aller musikalischen Stillen, ganz und gar nicht lautlos. Während ein Musiker auf der Bühne 4 Minuten und 33 Sekunden keinen einzigen Ton spielt, hört man eine ganze Menge: Den eigenen Atem, eine Klimaanlage vielleicht, das Rascheln neben und das Husten hinter einem. Stille ist eine Idee, kein Zustand.

Daran kann auch Autorität nichts ändern. Udo Moll, Matti Muche und Sebastian Gramss, die Erfinder und Vollstrecker des Mollschen Gesetzes, lassen sich auf ermüdende Grundsatzdebatten klugerweise gar nicht erst ein. Wenn, so der erste Paragraph des Gesetzes, maximal 60 Sekunden lang Musik gemacht wird, folgt, so sagt der zweite Paragraph, eine gleichlange Pause. Und eben keine Stille. Die Musik hört einfach auf und wartet. Oder besser: sie schweigt. Das schöne deutsche Wort 'Schweigen' drückt eigentlich ziemlich genau aus, um was es geht: Es geht darum, sich zurückzuhalten, Platz zu machen, Zeit zu gewähren. Bloß für was?

Wenn Moll, Muche, Gramss und ihre Gäste nach kurzer Tat die Instrumente absetzen, wird man vielerlei gewahr. Zunächst wohl, wie lang eine Minute sein kann. Vor allem dann, wenn man wartet, wartet auf das nächste Stück. Das gesetzlich verordnete Schweigen ist gleichwohl alles andere als vertane Zeit, sie ist, wenn man so will, gänzlich erfüllt, nämlich mit Nachhall und Erwartung: was war gerade, was mag kommen? Schon die allererste Pause setzt solch ein Fragezeichen. Der Start der für Musiker und Publikum gleichermaßen sichtbaren Stoppuhr bringt nicht etwa augenblicklich die Musik in Gang, sondern ist Auftakt der ersten Pause. Vielleicht ist sie sogar die wichtigste von allen, macht sie doch unmissverständlich klar, dass die Pausen nicht bloß Lücken sind, die ein Kontinuum unterteilen, sondern gewissermaßen Erlebniseinheiten eigenen Rechts. Und sie sind, nun doch ganz im Sinne Cages, durch und durch musikalisch, bloß spielt diese Musik nicht auf der Bühne, sondern im gedanklichen Innenraum des Publikums.

Man täte aber dem Mollschen Gesetz selbst ein Unrecht, wenn man es auf den zweiten Paragraphen reduzieren würde. Das Gesetz regelt schließlich nicht nur die Zeit, in der keine Musik, sondern auch die Zeit, in der sehr wohl Musik gespielt wird. Der Freiraum, den das Gesetz den Musikern zur eigenen Gestaltung gewährt, scheint, anders als im Fall der Pause, jedoch verhältnismäßig eng bemessen. Nicht mehr als 60 Sekunden pro Stück, zu wenig, um Musik zu machen? Mitnichten, wie man hört! Mit und in 60 Sekunden kann man sehr viel anstellen, allein oder zu zweit, dritt, viert oder fünft hier und dorthin gehen, sich lange vorsichtig beschnuppern oder gleich gemeinsame Sache machen. Und man kann all das sogar tun, ohne sich zu hetzen. Moll und seine Gesetzeshüter sind nirgends in Eile. Man ist eher überrascht, wie viel Zeit sie sich lassen, obwohl doch scheinbar so wenig nur genehmigt wird.

Vielleicht, so mag man in einer der vielen Pausen denken, ist der freie Mensch und Musiker ja gar nicht der, der ohne Gesetze lebt. Sondern der, der sich im Gesetz so bewegt, als gäb es gar keins.

Raoul Mörchen 2008

 

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